Cape Epic Sieger Karl Platt im Interview

Team BULLS

Du fährst durch Kapstadt und siehst überall deine dreckige Fresse. Krass.

„Schon surreal“

In seiner deutschen Heimat ist Cape-Epic-Sieger Karl Platt ein Szene-Promi. Im fernen Südafrika aber ist er ein Superstar. An Trucks und Hochhausfassaden prangen Heldenbilder von ihm. Weshalb er inzwischen ganz gerne mal daheim den Müll rausbringt.

Interview: Sissi Pärsch

Du hast gerade zum fünften Mal das berühmte Cape Epic gewonnen. Nach Routine sah Dein Jubel im Ziel aber trotzdem nicht aus.

Nein, da war keine Routine. Es war schon sehr emotional dieses Jahr. Der letzte Sieg war 2010 und in den Jahren danach sind wir immer so knapp am obersten Podiumsplatz vorbeigeshreddet. 2013 lagen wir in Führung und haben uns verfahren. 2014 lagen wir ebenfalls in Führung, und ich habe mir das Knie gebrochen. Der Sieg war jetzt überreif. Allerdings war die Ausgangslage auch top. Die Vorbereitung lief perfekt. Ich hatte mir mein absolutes Wohlfühl-Umfeld geschaffen und viel Spaß gehabt.

Du scheinst inzwischen ein besonderes Verhältnis zu Südafrika zu haben …

Ja, absolut. Ich trainiere seit 2009 regelmäßig in Südafrika, und damals ging dort der Bike-Boom so richtig los. Die Südafrikaner sind radfanatisch, das kann man sich nicht vorstellen. Professionelle Trail-Shaper bauen überall Bikeparks, und die Weinfarmen sind durchzogen von endlos Kilometern an geilsten Trails. Da haust du dir keine Zähne raus. Da kannst du Spaß haben, ohne dass es brutal zugeht. Das Cape Epic hat dazu enorm viel beigetragen. Die Etappenorte wollen sich bestens präsentieren und setzen alles dran, perfekte Events zu bieten.

Sind viele Leute auf dem Bike unterwegs?

Es geht völlig zweiradverrückt zu. Du kannst theoretisch jedes Wochenende ein Rennen fahren. Es gibt zig Etappen-Events, die alle ausverkauft sind. Aber auch generell: Es gibt eine wunderschöne Strecke in Kapstadt, auf der am Samstagmorgen kaum ein Auto fährt. Dort sind unfassbar viele Rennradler und Biker unterwegs.

Geht das durch alle sozialen Schichten?

Zumindest ist das Rad ein Vehikel, mit dem man alle Schichten erreicht. Es gibt viele tolle Projekte, die versuchen, Kinder aufs Rad zu bringen und ihnen eine Alternative zum harten Straßenleben zu bieten. Und genauso ist der Radsport unter den Reichsten extrem populär. Ich habe zum Beispiel einen Typen beim Radeln kennen gelernt und irgendwann festgestellt, wie wohlhabend er ist. Als wir ein paar Tage gemeinsam trainierten, meinte er, seine Beine wären recht müde. Er würde aber trotzdem gern bis zur Küste radeln – etwa 180 Kilometer – sich aber den Gegenwind zurück sparen. Er wolle uns abholen lassen. Kurz vor dem Ziel fragte ich ihn, ob das Auto auch groß genug sei. Er grinste nur und zeigte nach oben, wo gerade der bestellte Heli reinschwirrte. Das zeigt die Dimensionen in Afrika – und den Radsport-Fanatismus. Der Bike-Sport hat zudem eine mediale Präsenz, die für uns Deutsche nicht vorstellbar ist.

Erzähl doch mal.

Das Cape Epic zum Beispiel landet jeden Tag auf der Frontpage der großen Zeitungen und wird im Live-Stream auf einem der großen Sportsender übertragen. Da heißt es im Programm: Rugby – MTB – Rugby. Du fährst ins Ziel, der Platz ist gerammelt voll, und über dir kreisen vier Hubschrauber, die alles einfangen. Da steht ein riesiger TV-Truck mit zwanzig Bildschirmen drin, und die Leute von der Regie switchen von einer Einstellung zur nächsten. Es ist wie bei der Tour de France. Extrem professionell.

Ist es für Dich auch deshalb das Rennen schlechthin?

Schon. Du siehst, was man aus einer Veranstaltung machen kann und wie das den Stellenwert des Bikens voranbringt. Der Veranstalter hat seinen großen Traum verfolgt, extrem viel investiert und an allen Fronten konsequent gearbeitet. Hier stehst du nicht auf dem wackeligen Podium vom örtlichen Turnverein. Hier stehst du zwischen riesigen Bannern, es gibt eine VIP-Lounge, und das ganze Aufgebot an Presse ist da.

Und mittendrin Du, als gefeierter Star …

Ja, das ist schon surreal. Wenn ich in der Zeit um das Rennen in Bulls-Team-Klamotten durch Kapstadt fahre, hupen mich die Autofahrer an und rufen „Hey Buuuuulls!“. Noch krasser war, dass Woolworth eine Cape-Epic-Werbeaktion laufen hatte und ich sozusagen das Aushängeschild war. Ich war überall. Riesig auf Hochhausfassaden, auf Plakaten, auf Trucks. Da fährst du durch die Stadt und siehst überall deine dreckige Fresse. Also dreckig, weil ich auf dem Foto total schlammverkrustet bin. Während des Cape Epics war das Gedränge um mich herum manchmal anstrengender als das Rennen selbst. Es ist dann gut, heimzukommen und zu hören: „Schatz, bring den Müll raus.“

Du hast die Premiere 2004 gewonnen, hast fünf Gesamtsiege geholt – so viel wie nur Christoph Sauser. Zeit, aufzuhören? Oder geht noch einer?

Ich werde es noch mal versuchen. In zwei Jahren bin ich 40, aber ich fühle mich nicht alt. Ich bin in der Form meines Lebens. Wer weiß, vielleicht bin ich wie ein abgestochenes Pferd, das kurz vorm Ende noch mal zur Höchstform aufläuft? Keine Ahnung. Erfahrung macht so unglaublich viel aus. Wenn ich heute die jungen Fahrer sehe, wie sie nervös durchs Feld hacken – da hilft der junge Körper auch nichts.


Das Interview gibt es hier als PDF-Download.